
Das wurde aber auch Zeit: In einem Blog über Utopien darf ein Blick in den Klassiker und Namensgeber nicht fehlen. Deswegen stelle ich dir heute das Buch “Utopia” von Thomas Morus vor.
Spoiler: Etwas irritiert war ich, als ich vor der Lektüre DALL-E gebeten hatte, mir ein Bild zum Inhalt des Buches zu erstellen. Dies wurde mir aufgrund von “Safety Regulations” nämlich verweigert. Beim Lesen des Buches habe ich dann verstanden, warum, denn die Utopie von vor 500 Jahren ist nicht unbedingt in jedem Detail zeitgemäß.
Hinweis: Da mein Text über das Buch recht lang geworden ist, veröffentliche ich ihn in zwei Teilen. Dies ist der erste Teil zur Geschichte und dem Inhalt des Buchs “Utopia”.
Zur Geschichte des Buches
Der Erstdruck des Buches ist 1516 in lateinischer Sprache unter dem Titel “Ein wahrhaft goldenes Büchlein, nicht minder heilsam als unterhaltsam, Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia“ erschienen. Es wurde geschrieben von Thomas Morus, der ein gläubiger Katholik und als Lordkanzler ein wichtiger Würdenträger des britischen Königreichs zur Zeit von Heinrich VIII gewesen ist.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war mit König Heinrich VIII die Tudordynastie in England an der Macht. Die Bevölkerung war stark hierarchisiert, mit dem Adel an der Spitze, gefolgt von der aufstrebenden Kaufmanssschicht und den Bauern, die in kargen Verhältnissen ihr Dasein fristeten. Die meisten Menschen lebten ländlich in kleinen Dörfern, Landwirtschaft war der wichtigste Wirtschaftszweig. Gleichzeitig nahm der Handel mit Wolle und Textilprodukten innerhalb und außerhalb Englands zu.
Religion und Aberglaube spielten eine zentrale Rolle im täglichen Leben. Bildung und Wissenschaft waren nur den oberen Gesellschaftsschichten zugänglich, wobei das Interesse an Naturwissenschaften und wissenschaftlichen Entdeckungen zunahm. Ungefähr zwei Jahrzehnte vor dem Erscheinen von “Uopia” unternahmen Christopher Columbus und Vasco da Gama ihre Seereisen und entdeckten dabei Amerika und Indien. Es herrschte eine Faszination für Unentdecktes und ferne Länder.
Heinrich VIII. war ein starker, oft autokratischer Herrscher. Seine Regentschaft war im Jahr 1531 durch den Bruch mit der katholischen Kirche geprägt, der zur Gründung der Church of England führte. Während seiner Herrschaft führte Heinrich VIII mehrere kostspielige Kriege, die die englische Wirtschaft belasteten.
Über das Buch und den Autor
Für diesen Beitrag habe ich die “Utopia”-Ausgabe von 2020/2013 (Print & eBook) des Herausgebers Aura Books gelesen. Diese Ausgabe im Softcover hat 116 Seiten.
Der Autor Thomas Morus (geb. 1478) war ein englischer Staatsmann und humanistischer Autor der Renaissance. Er schrieb “Utopia” im Alter von 38 Jahren und starb 1535 in London. Da er sich weigerte, den geforderten Eid auf die königliche Oberherrschaft über die Kirche abzulegen, ließ ihn der König 1535 als Hochverräter hinrichten. (Quelle: Wikipedia)
Der Inhalt des Buchs
In seinem Buch schreibt Thomas Morus von einem namenlosen Ich-Erzähler, der als Abgesandter des Königs von England einem ihm fremden Seefahrer, Raphael Hythlodäus, begegnet. Dieser Raphael soll den (real existierenden) Seefahrer, Kaufmann und Entdecker Amerigo Vespucci auf seinen Entdeckungsreisen in Richtung Südamerika begleitet haben. Als Vespuccis und Hythlodäus’ Wege sich trennten, gelangte Letzterer zur namensgebenden Insel Utopia. Von dieser Insel berichtet er im Folgenden ausgiebig dem Ich-Erzähler des Romans.

Die Beschreibung von Utopia
Die Geographie der Insel wird detailliert beschrieben, ihre Form, Größe und geografische Beschaffenheit. Die Insel ist halbmondförmig und hat eine felsige Bucht, in der Schiffe aus- und einfahren. Die Insel war ursprünglich Teil eines Festlandes, wurde aber vor über tausend Jahren absichtsvoll von ihrem damaligen, hoch angesehenen Herrscher Utopus vom Festland abgetrennt. Es besteht dennoch reglementierter Kontakt zur Außenwelt, überwiegend zu Handels- und Kriegszwecken.
Die Insel selbst gleicht einer Planstadt, sie hat “vierundfünfzig geräumige und prächtige Städte, in Sprache, Sitten, Einrichtungen und Gesetzen übereinstimmend;” (S. 42). Alle Städte verfügen über den gleichen Anteil an Land und jede Stadt entsendet gewählte Entsandte in die Hauptstadt, “um über die gemeinsamen Angelegenheiten der Insel zu verhandeln.” (S. 42)
“In Utopien dagegen, wo alles allen gehört, zweifelt niemand daran (wenn nur dafür gesorgt ist, dass die öffentlichen Speicher gefüllt sind) dass ihm je etwas für seine Privatbedürfnisse fehlen werde. Denn dort gibt es keine knickerig-hämische Verteilung der Güter, keine Armen und keine Bettler, und obwohl keiner etwas besitzt, sind doch alle reich.” (S. 108)
Alle Familien in Utopia leben in identischen und großzügigen Häusern mit großen, prächtigen Gärten, die sie bewirtschaften. Das Staatssystem von Utopia ist sozialistisch, es gibt kein Privateigentum und kein Geld. Alle erwirtschafteten Erzeugnisse werden der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt, jeder kann sich jederzeit so viel nehmen, wie er oder sie braucht und niemand muss mit einem Mangel rechnen. Erwirtschaftete Überschüsse werden exportiert. Das durch die Exporte eingenommene Gold und Silber hat auf der Insel allerdings keinen praktischen Wert, weswegen es als Material für die Herstellung von Fesseln oder Bettpfannen verwendet wird.
“Wo Geld der Maßstab aller Dinge ist, da müssen viele eitle und überflüssige Künste betrieben werden, die nur dem Luxus und den Lüsten dienen.” (S. 49)
Auf der Insel herrscht eine strikte Bevölkerungskontrolle hinsichtlich der Anzahl der Bewohner in den Städten. Notfalls werden “überzählige” Stadtbewohner in andere Städte oder sogar außerhalb der Insel in Kolonien umgesiedelt.
Die Menschen auf Utopia leben in einer demokratischen Staatsordnung zusammen. Je dreißig Familien wählen einen Vertreter, diese wiederum wählen einen kleineren Kreis an Vertretern, die gemeinsam den Fürsten ernennen. Diese politischen Ämter wechseln regelmäßig und genießen ein hohes Ansehen. Es gibt wenige, klare Gesetze und alle Menschen in Utopia sind gesetzeskundig.
Das Zusammenleben der Utopier unterliegt einer patriarchalen Hierarchie: “Der Älteste steht (wie ich gesagt habe) der Familie vor. Die Gattinnen dienen den Ehemännern, die Kinder den Eltern, überhaupt die Jüngeren den Älteren.” (S. 53). Allerdings sind die Frauen den Männern in drei Bereichen gleichgestellt: Im Erlernen und Ausüben eines Handwerks, beim Kriegsdienst und beim Ausüben des Priesterberufes. In der Gesellschaft der Utopier gibt es Sklaven, die niedrigere Tätigkeiten ausüben (z.B. das Schlachten von Tieren), darüber hinaus aber ähnlich den übrigen Bürgern behandelt werden. (Und trotzdem gibt es für sie Fesseln, wenn auch goldene…) Zum Sklaven wird man wegen eines Sittenverstoßes (z.B. unautorisiertes Reisen zwischen den Städten), es gibt aber auch Auswärtige, die sich freiwillig als Sklaven melden, um im Utopiestaat leben zu dürfen.
Außenstehenden treten die Utopier wohlwollend gegenüber und sind grundsätzlich pazifistisch eingestellt, schrecken aber auch vor kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zurück. Sie führen erfolgreich Kriege, vor allem zur Verteidigung ihrer Insel oder zur Vergeltung von geschehenem Unrecht.
Auf Utopia herrscht eine religöse Vielfalt und Wertschätzung unterschiedlicher Verehrung der göttlichen Natur. Religiöse Obrigkeiten genießen ein hohes Ansehen und Privilegien. In der Erzählung von Raphael Hythlodäus seien nach seiner Ankunft viele Utopier freiwillig zum Christentum konvertiert.
Die Utopier richten sich nach dem gregorianischen Kalender und haben ein heliozentristisches Weltbild (was bemerkenswert ist, weil “in echt” Nikolaus Kopernikus erst 1543, also 27 Jahre nach Erscheinen des Romans, seine Theorie veröffentlichte, nach der die Erde sich um die Sonne als Zentrum dreht). Sie lernen bereitwillig von Besuchern der Insel, wenn es ihnen sinnvoll erscheint, so z.B. den Buchdruck von Raphael Hythlodäus.
Die Ergänzung des ersten Teils
Erst später und auf Empfehlung seines Freundes Erasmus von Rotterdam fügt Morus seiner Utopia-Erzählung ein vorhergehendes Kapitel “Der Utopia erstes Buch” hinzu. In diesem Abschnitt schildert der seereisende Besucher Raphael Hythlodäus die Ignoranz und Hochnäsigkeit des herrschenden Adels, um den Kontrast zum zivilisierten Utopia zu verdeutlichen.
“Die Konstellation aus beiden Büchern erfüllt damit zwei Funktionen: Sie ist einerseits Darstellung dessen, was ist, aber nicht sein sollte; andererseits ist sie auch der phantasievolle Entwurf einer anderen Welt, die als Denkanstoß und kritisches Korrektiv zugleich fungiert.”
(Thomas Schölderle: “Geschichte der Utopie”, S. 25)
Ausblick
Auf der Insel Utopia ist also ganz schön viel los und ich hoffe, mein Beitrag konnte dir einen ausreichenden Einblick in die erste namentliche Utopie der Literatur verschaffen.
Den zweiten Teil der Buchrezension kannst du über diesen Link direkt lesen. Darin geht es um meinen Utopie-Check, eine zusammenfassende Einschätzung inkl. Lieblingszitat und die von mir generierten Bilder zum Buch „Utopia“.
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nices!! Buchrezension zu “Utopia” von Thomas Morus. (Teil 1 von 2)