
Mitten in der Coronapandemie hat Catharina Fischer (Speaker, Consultant & Moderatorin für Nachhaltigkeit & Tourismus) mit ihren Netzwerkpartner*innen von Realizing Progress einen Think Tank zur Zukunft der Tourismusbranche ins Leben gerufen. Außerdem hat sie ganz frisch ein Whitepaper zum Zukunftswert (“Legacy”) von Veranstaltungen veröffentlicht. Beide Aspekte finde ich super spannend und habe Catharina zu einem Interview eingeladen. Mein Highlight: Mit dem Zukunftswert gewinnen wir ein bereicherndes Narrativ für die Gestaltung vieler Lebensbereiche.
Hallo Catharina. Bitte stell’ den Leser*innen des Blogs zu Beginn selbst vor.
Gerne. Ich bin Catharina Fischer und bin Teil von Realizing Progress. Wir sind ein Netzwerk aus freiberuflichen Berater*innen, mehrheitlich im deutschsprachigen Raum. Wir unterstützen große und kleine Destinationen, Länder, Regionen oder Städte, bei ihren Strategien zu Digitalisierung, Lebensräumen, KI oder Nachhaltigkeit. Letzteres ist besonders eines meiner Steckenpferde. Wir beraten aber nicht nur Destinationen, sondern auch Unternehmen, also Reisebüros, Reiseveranstalter oder Hotels. Das mache ich seit 2015. Zuvor war ich an vielen anderen Stationen im Tourismus unterwegs, habe studiert in München und Edinburgh, war mal bei Fraport, bei DERTOUR und bei der Deutschen Zentrale für Tourismus.

Auf deiner Webseite steht passenderweise der Slogan “Tourismus neu denken”, das finde ich spannend. Vor ein paar Jahren hast du im Rahmen eines Think Tanks zusammen mit vielen Akteur*innen ein Zukunftsbild für den Tourismus entworfen. Magst du dazu mal ein bisschen was erzählen?
Genau, der Think Tank war 2020. Da wissen wir alle noch zu gut, was da war: Corona. Und das hat die Branche natürlich sehr, sehr stark getroffen. Im Herbst 2020 haben wir uns gedacht, wir müssen jetzt was tun für die Branche und mit der Branche. Wir brauchen ein neues Narrativ. Wir brauchen ein Zukunftsbild, mit dem wir einerseits aus dieser Krise kommen und andererseits einen neuen Pfeiler einschlagen und über die Baustellen sprechen, die natürlich durch Corona in der Tourismusbranche noch sichtbarer geworden sind.
Wir haben dann vorab Interviews mit hunderten verschiedenen Akteuren der Branche geführt. Wir haben gefragt: “Wo steht ihr gerade und welche Herausforderungen gibt es?”, aber auch “Wo seht ihr euch in der Zukunft?” Mit den aufbereiteten Antworten sind wir mit etwa 30 Personen aus der Branche, Destinationen, Reiseveranstaltern, Wissenschaftler*innen, Tourismus-Verbänden, Online-Plattformen, direkt in den Think Tank gegangen und haben gemeinsam das Manifest “Impulse for Travel” erarbeitet. Das Manifest beinhaltet ein neues Leitbild für den Tourismus als Zukunfts- und Lebensraumgestalter. Wir haben es seitdem laufend vorgestellt und diskutiert.
Viele Branchen, Menschen und Organisationen waren zu der Zeit in einer Art Schockstarre. Ich stelle es mir schwierig vor, in einer direkten Krisensituation gemeinsam Gedanken für die Zukunft zu entwickeln. Wir habt ihr es geschafft, trotzdem gemeinsam einen Schritt heraus zu machen?
Wir haben es in dieser Situation geschafft, den Leuten ein positives Versprechen zu geben. Ich glaube, dieses neue Zukunftsbild war für viele schon ein Strohhalm, in Aktion zu treten und daran zu arbeiten. In jeder Krise steckt die Veränderung und wir wollten die Veränderung nutzen und zu einer Chance machen.
Hast du eine Lieblingsthese aus eurem Manifest?
Zentral ist für mich immer noch die Feststellung, dass die Mitarbeitenden die tragende Säule sind. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber die Zukunft des Tourismus steht und fällt mit den Menschen, die die anderen Themen wie Nachhaltigkeit, Wertschöpfung und digitale Vernetzung gestalten. Wenn du im Tourismus einen Zukuntswert schaffen willst, brauchst du Menschen, die mitmachen, eine Dienstleistung gestalten, sich angenommen fühlen.
Nehmen wir das Thema Digitalisierung. Die Digitalisierung und der Einsatz moderner Technologien bieten enorme Chancen, um den Tourismus nachhaltiger, effizienter und erlebnisorientierter zu gestalten. Von digitalen Tools zur Besucherlenkung über intelligente Buchungssysteme bis hin zu KI-gestützten Empfehlungen – Technologie kann Produkte verbessern, Erlebnisse personalisieren und Lebensräume durch nachhaltige Ressourcennutzung schützen. Doch bei aller Innovationskraft bleibt eines entscheidend: Technologie ist nur so gut wie ihr Einsatz durch den Menschen.
Es ist der Mensch, der bestimmt, wie und wofür Technologien genutzt werden – sei es, um Interaktionspunkte entlang der Customer Journey zu vereinfachen, das Erlebnis angenehmer zu machen oder Prozesse ressourcenschonender zu gestalten. Gerade beim Thema Künstliche Intelligenz zeigt sich, dass Technologie nicht allein entscheidet, sondern immer die Bedürfnisse, Werte und Entscheidungen der Menschen ins Zentrum rücken muss. Der Mensch ist es, der sinnvolle Einsatzfelder definiert, technologische Lösungen akzeptiert und sie mit Leben füllt. Nur wenn Technologie als Werkzeug verstanden wird, das menschliche Interaktion ergänzt und unterstützt, wird sie zur treibenden Kraft für eine zukunftsfähige, nachhaltige und gleichzeitig menschliche Tourismusentwicklung.
Wie weit gehen diese Kreise, in denen die Menschen wichtig sind? In deinem Podcast “Next stop: Future” ging es neulich auch um die Frage, ob Menschen beim Reisen wirklich Authentizität suchen oder ob sie sich eigentlich eher eine Art Verbundenheit wünschen. Deswegen meine Frage: Wie groß zieht man den Kreis der Menschen, die im Tourismus dann eine Rolle spielen? Bezieht das auch Einheimische oder Begegnungen in Restaurants oder auf Ausflügen ein?
Die Frage, wie groß der Kreis der Menschen im Tourismus gezogen wird, ist entscheidend, um ein modernes und nachhaltiges Verständnis von Tourismus zu entwickeln. Es geht längst nicht mehr nur um die klassische Beziehung zwischen Gast und Anbieter – also zwischen Touristinnen und Hotels, Reiseveranstaltern oder Attraktionen. Ein ganzheitlicher Ansatz schließt auch Einheimische, Mitarbeitende in der Gastronomie, Guides, lokale Produzentinnen und all jene ein, die durch Begegnungen, Dienstleistungen oder ihre kulturelle Präsenz den Charakter eines Ortes prägen. Begegnungen in Restaurants, auf Ausflügen oder bei Veranstaltungen tragen maßgeblich zur Authentizität und Qualität eines touristischen Erlebnisses bei. Gleichzeitig beeinflusst der Tourismus die Lebensqualität der Einheimischen – positiv wie negativ. Nachhaltiger Tourismus muss diese Wechselwirkungen aktiv gestalten, um ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen von Besucher*innen, den Ansprüchen der Einheimischen und der Erhaltung der natürlichen und kulturellen Ressourcen herzustellen. Nur wenn dieser erweiterte Kreis der Beteiligten einbezogen wird, kann Tourismus langfristig als Bereicherung für alle betrachtet werden.
Was verbirgt sich hinter dem Begriff Zukunftswert?
Den Zukunftswert nennt man im Englischen “Legacy”. Dazu haben wir auch ein Whitepaper veröffentlicht, dabei geht es um den Zukunftswert der Eventbranche, man kann es aber auf viele Themen und Organisationen übertragen. Grundsätzlich geht es dabei darum, etwas Positives für die Zukunft zu kreieren und zu hinterlassen. Viele Events sind mittlerweile schon in vielen Punkten nachhaltig, zum Beispiel bei der Location, Anreise oder Verpflegung.
Der Zukunftswert eines Events geht darüber hinaus. Im Whitepaper werden anhand eines fiktiven Fallbeispiels verschiedene Ansätze aufgezeigt, wie ein Event langfristige Zukunftswerte für eine Stadt schaffen kann.
Ein Zukunftswert eines Events lässt sich z.B. an seinem langfristigen und nachhaltigen Einfluss auf die Stadt und ihre Akteure messen. Dazu gehört der wirtschaftliche Beitrag, etwa durch effizientere Ressourcennutzung wie die Reduktion von Lebensmittelabfällen, gestiegene Einnahmen lokaler Betriebe oder höhere Steuereinnahmen durch die Positionierung als innovativer und nachhaltiger Eventstandort. Ebenso zählen Fortschritte bei definierten Nachhaltigkeitszielen, wie der messbaren Reduktion von Abfällen, und die Höhe zusätzlicher Förderungen oder Investitionen, z.B. in Schüler*innenfirmen, Spin-Offs oder kooperative Stadtprojekte. Ein weiterer Indikator ist die Anzahl und Qualität der durch das Event initiierten langfristigen Partnerschaften, die einen Mehrwert für die Stadt und andere Veranstaltungen schaffen. Dazu kommen die Skalierbarkeit und Wiederholung des Eventkonzepts, die übergreifende Wirkung auf andere Regionen sowie der Beitrag zu sozialen Innovationen, die langfristig positive Veränderungen in der Gesellschaft anstoßen. All dies zusammengenommen zeigt, wie ein Event über seinen unmittelbaren Rahmen hinaus eine zukunftsorientierte, nachhaltige Wirkung entfalten kann.
Im Sommer bin ich einige Tage in der “Stadt der Zukunft” Kopenhagen gewesen und dort gab es die Aktion “Copenpay”, bei der Tourist*innen und Einheimische Müll sammeln und dafür Vergünstigungen oder andere Benefits in der Stadt bekommen. Ist das dann sozusagen ein ökologischer Zukunftswert?
Ja. Dahinter steckt der Gedanke, etwas Positives zu hinterlassen, auch als Touristen. Und in dem Fall sogar auch für die Bevölkerung.
Ich würde gerne noch mit dir über “Narrative” sprechen. Wenn man auf den Zukunftswert von Events schaut, verändert sich dann auch das Narrativ von einer Veranstaltung? Man geht ja dann nicht mehr nur auf einen Kongress, um sich einen Vortrag von jemandem anzuhören, sondern kann mit dem Besuch zu etwas Größerem beitragen.
Letztendlich können wir dadurch das Narrativ der ganzen Branche ändern, weil es einen Kritikpunkt der letzten Jahrzehnte adressiert, die ökologischen Kosten von Events und Tourismus. Wenn wir dahinkommen, dass die Touristen und Veranstaltungsbesucher auch etwas Positives hinterlassen, ist das direkt ein anderes Narrativ. Natürlich ist Fliegen umweltschädlich und wir brauchen eine grundsätzlich andere Lösung für den hohen CO2-Verbrauch. Aber wir können die Perspektive in der Nachhaltigkeitsdiskussion erweitern, indem wir auf den Zukunftswert von Veranstaltungen und Reisen schauen und versuchen, auch etwas Positives dadurch zu schaffen.
Gibt es ein Narrativ zur Zukunft, das dir besonders gut gefällt oder wichtig ist, also eine persönliche Utopie?
Da komme ich wieder zurück auf den Aspekt “Mensch”. Ich glaube, dass wir eigentlich viel, viel mehr Zukunftspotenzial haben. Alle Menschen haben das, auch im Sinne einer gemeinsamen Gestaltung der Zukunft. Und ich glaube, dass wenn man sich erstmal auf den Weg macht, immer etwas Tolles entstehen kann. Im Kleinen wie im Großen.
Meine letzte Frage: Hast du ein Zitat über die Zukunft mitgebracht, das du gerne magst?
“Deine Zukunft ist, wozu du sie machen willst. Und Zukunft heißt wollen.” (Dalai Lama)
Danke für das inspirierende Gespräch, Catharina!
Weiterführende Links
- Manifest “Impulse4Travel” von Realizing Progress und dem Verband Internet Reisevertrieb e.V. (VIR): https://www.impulse4travel.de/manifest/manifest/
- Whitepaper “Building Legacy: Wie Events nachhaltigen Wandel vorantreiben können” von Anja Kirig & Catharina Fischer: https://www.duesseldorf-convention.de/news/whitepaper-1
- Podcastfolge “Next stop: Future” von Anja Kirig und Catharina Fischer: https://open.spotify.com/show/4awf1ttI1XyIZxDCD1UFm9
Das Beitragsfoto stammt von G-R Mottez auf Unsplash
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Ein Gedanke zu “Zukünfte von Tourismus und Events: Interview mit Catharina Fischer über Narrative, Zukunftswerte und den „Faktor Mensch“”