
Hast du dir schonmal gewünscht, du könntest mit der Hauptfigur aus einem Buch sprechen? Das geht! Das Team von unwritten hat vor Kurzem ein Begehbares Buch gelauncht: Die Chatmöglichkeit mit der KI „Einbug“ aus dem Roman “Pantopia” von Theresa Hannig. Das Beste: Die nächste begehbare Bücherreihe ist schon in Planung und Fans klassischer Science Fiction dürfen gespannt sein.
Für diesen Beitrag habe ich mit dem Mitgründer Stefan Probst zur Idee und Umsetzung des Begehbaren Buchs bei Unwritten gesprochen. Das Begehbare Buch ist eine Erweiterung des Leseerlebnisses, z.B. durch die Möglichkeit, sich mit den Charakteren über die Handlung oder bestimmte Personen aus dem Buch zu unterhalten, um darüber tiefer in die Story einzusteigen. Oder man entführt die Figuren in alternative Welten oder Zeiten, um sie dort dann völlig neu zu erleben.
Mit dem Buch “Pantopia” ist Theresa Hannig eine Pionierin des Begehbaren Buches und hat ihren Hauptdarsteller (eine KI) über die Buchseiten hinaus in die Realität geholt UND für diesen Beitrag sogar ein Zitat beigesteuert. 🙂 (Zum Buch “Pantopia” habe ich hier eine Rezension geschrieben.)
Neben der erzählerischen Erweiterung von Belletristik finde ich die Aufbereitung von Fachliteratur durch KI-gestützte Chatbots sehr vielversprechend. Das Interview mit Stefan war spannend und ich hätte nicht gedacht, dass sogar Sam Altman von Open AI eine Rolle dabei spielen würde. Also viel Spaß beim Lesen!
Hallo Stefan. Bitte stell dich den Leser*innen des Blogs selbst vor.
Ich komme ursprünglich aus der Informatik und liebe es, neue Dinge aufzubauen – Unternehmen, Communities, Netzwerke. Ich vermute, dass ich viel Energie daraus ziehe, wenn ich Menschen, Ideen und Orte gemeinsam zum Schwingen bringen kann.
Eine dieser Ideen ist unwritten.
Ja, richtig. Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) begleitet mich schon ein Leben lang. Anfangs vor allem aus technischer Sicht. Dabei war es lange Zeit eine Nische rund um Mustererkennung oder Datenbanksysteme. Auch GPT hatten wir seit Version 2 verwendet – auch das zuerst ein reines Thema für Nerds. Erst als ChatGPT durch das für jedermann einfach zugängliche Chat-Interface praktisch über Nacht bekannt wurde, hatte sich etwas grundlegend verändert.
Eine starke KI (Artificial General Intelligence, kurz AGI oder auch technologische Singularität) war eher so ein vager Punkt in der Zukunft, der uns zwar interessiert hat, aber gefühlt auch immer noch sehr weit weg war.
Mit ChatGPT hat sich das gedreht, weil die Fortschritte in der KI auf einmal viel greifbarer wurden. So konnte der Bot innerhalb von wenigen Wochen nicht mehr nur auf Englisch kommunizieren, sondern in fast jeder Sprache unserer Welt. Das war so ein Gänsehaut-Moment Anfang 2023.
In dem Moment hatten wir begonnen, anders über AGI nachzudenken. Es war nicht mehr dieser ominöse Punkt in der Zukunft, sondern fühlte sich vielmehr wie ein Schieberegler von 0-100 an. Wir haben uns lange in kleinen Schritten auf dieser Skala bewegt, z.B. als der Schach- oder Go-Weltmeister von der KI besiegt wurde. Das war jedes Mal ein kleiner Strich auf der Skala.
Auf einmal war die Frage, ob der Regler gar nicht 100% erreichen muss, bis wir unsere heutige Welt – so wie wir sie heute kennen – nicht mehr wiedererkennen. Vielleicht reichen dafür schon 30%.
War das der Startpunkt von unwritten?
Das war der Anstoß, darüber nachzudenken, wie wir selber mit dieser KI-Explosion umgehen und die Schlussfolgerung war, dass wir dem nur mit einem offenen Ökosystem begegnen können.
So entstand unser KI-Meetup “Betreute Intelligenz” als ein offener Sandkasten, um spielerisch KI-Tools auszuprobieren und Erfahrungen damit zu teilen. Dort entstand dann auch recht früh die Idee zum Begehbaren Buch.
Am Anfang hatten wir aus Neugier dem Bot 800+ Seiten “Hardcore-Literatur” in den Bauch gepackt: “Gödel, Escher, Bach” von Douglas Hofstadter, eine Art “heiliger Gral” unter den Informatikstudierenden. Eigentlich hatten wir damit gerechnet, dass das nicht besonders gut funktioniert, aber das Gegenteil war der Fall.
Aus dieser positiven Erfahrung heraus haben wir weiter experimentiert, z.B. mit dem Cyberpunk-Thriller “Neuromancer”. Dabei konnten wir schnell feststellen, dass der Bot wunderbar in die Rolle von verschiedenen Charakteren schlüpfen kann.
Was ist die Intention von unwritten?
Wir möchten mit Hilfe von KI Geschichten verlängern. unwritten steht für all das, was noch nie jemand zuvor aufgeschrieben hat.
Wer arbeitet aktuell im Team von unwritten?
Wir sind eine bunte Truppe aus Autor*innen, Künstler*innen, Journalist*innen, Textern, IT-Nerds und Macher*innen. Uns alle verbindet im Kern die Liebe zum Buch.
Ich bin über das Buch “Pantopia” von Theresa Hannig auf unwritten aufmerksam geworden. Ist pantopia.world euer erster offizieller Showcase?
Genau. Wir haben viel Zeit im Gespräch mit Verlagen verbracht, um gemeinsam das Geschäftsmodell von Büchern weiterzudenken. Theresa war schon einige Zeit bei uns mit dabei und hatte sofort Lust auf das Begehbare Buch mit Einbug in der Hauptrolle.
Dazu gibt es eine interessante Seitennotiz: Vielleicht hast du schon vom Projekt “World” (früher Worldcoin) von Sam Altman gehört. Ein guter Freund aus unserem Netzwerk, Alex Blania, hat Worldcoin zusammen mit Sam Altman gegründet und hier umgesetzt.
Die Idee hinter World liefert sozusagen eine Blaupause, wie das Pantopay System aus Pantopia umgesetzt werden könnte. Die Basis sind ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden Menschen, verbunden mit einem dezentral organisierten Gesellschaftssystem.
Das Software-Engineering dafür fand hier bei uns in Erlangen statt – die Entwickler*innen kommen aber aus der ganzen Welt und Englisch ist die gemeinsame Sprache. Pantopia war bisher nur auf Deutsch erschienen, aber mit der Chatversion ist es in jeder Sprache zugänglich.
Ob wir den “magic match” zwischen Pantopia und World noch erleben, ist offen. In jedem Fall war es für uns ein wesentlicher Antrieb für das Begehbare Buch zu Pantopia.
Im Vorfeld habe ich Theresa Hannig gefragt, ob sie ein Zitat für unseren Beitrag beisteuern würde. Ich finde, dass sie als Pionierin des Begehbaren Buches Mut und Weitsicht beweist und freue mich daher besonders, dass sie ihre Sichtweise auf das Alleinstellungsmerkmal und Potenzial des Begehbaren Buches teilt:
“Das Begehbare Buch von Pantopia bietet den Leser*innen die Möglichkeit, auch über die Lektüre des Buchs hinaus im Austausch mit der Hauptfigur Einbug zu bleiben. Gerade bei phantastischen Texten, die stark auf neue Weltenkonzepte und neue intersubjektive Realitäten setzen, hat das Begehbare Buch großes Potential. Denn damit existiert die neue Welt, die neue Idee oder die neue Technologie nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln und im Kopf der Leserschaft. Mit dem Begehbaren Buch können die Leser*innen selbst aktiv werden, mit den Figuren in Kontakt treten und sich noch intensiver mit dem Inhalt auseinandersetzen.
Dabei ist das begehbare Buch eben kein KI gesteuerter Automatismus, sondern ein Werkzeug, mit dem wir Autor*innen unseren Figuren eine digitale Manifestation verleihen. Denn die KI wird nicht nur am bestehenden Text trainiert, sondern in Zusammenarbeit mit der Autor*in verändert, geprägt, geschärft und angepasst. Am Ende nähert sich der Chatbot der literarischen Figur so weit an, dass sich das Gespräch mit ihnen echt anfühlt.”
Zurück zu dir, Stefan. Was ist euer nächstes Projekt?
Momentan sind wir dabei, einen abgeschlossenen Plot aus Perry Rhodan Neo als Begehbares Buch an den Start zu bringen. Gerade Perry Rhodan ist ein super dankbares Thema, weil es ein unfassbar reiches Universum aufspannt und gleichzeitig im Hintergrund ein enormer Fundus an technischen Dokumenten vorhanden ist. Diese Dokumente stehen allein den Autoren zur Verfügung, um daraus stimmige Welten für die Romanserie zu bauen.
Sie würden niemals veröffentlicht werden, können aber über den Bot elegant als Wissensbasis zugänglich gemacht werden, ohne dass irgendetwas davon jemals direkt nach außen gelangen kann. Ein eindrucksvolles Anwendungsbeispiel für KI in Verbindung mit vorhandenen Daten(schätzen).
Wie komplex ist die Realisierung eines solchen Projekts?
Die Kunst liegt darin, das Ausgangsmaterial geeignet aufzubereiten. Das variiert bei Romanen je nach Aufbau und Stil des Autors. Jedes Projekt liefert hier weitere Erfahrungswerte. Bei ganzen Romanserien stößt man auch irgendwann an Verarbeitungsgrenzen.
Mich erinnert das an die TV-Serie “Lost” aus den 2000er Jahren. Die Macher haben damals crossmediales Storytelling betrieben, das weit über die eigentlichen Serienfolgen hinausging. Ist unwritten so ein Tool für Worldbuilding und medienübergreifendes Storytelling?
Lost ist ein tolles Beispiel, das war damals wegweisend und das Format “TV-Serie” noch ganz in den Anfängen. Das Worldbuilding passte auch wunderbar zu dem mystischen Grundthema der Serie. Das Begehbare Buch zielt in eine ähnliche Richtung. Es gibt z.B. verschiedene Spielmodi, die man aktivieren kann.
So wird der Bot zum Spielleiter und ein Roman zum Rollenspiel oder Pen & Paper Erlebnis. Allein die Phantasie setzt hier die Grenzen. Oder der Bot erweitert das Leseerlebnis digital, um die Leser*innen schon vor der Veröffentlichung in die Romanwelt eintauchen zu lassen oder erste Themen daraus gezielt anzuteasern.
Gibt es auch Anwendungsfälle für Fach- oder Sachliteratur?
Fachbuchverlage waren in der Tat unsere ersten Gesprächspartner. Eine Anekdote: Bernd (Sommerfeld) aus unserem Team hatte seinen alten Freund, den Tech-Verleger und Visionär Tim O’Reilly, gebeten, ein Vorwort für seine Tech-Biographie zu schreiben. Tim hatte das zuerst abgelehnt, weil das Buch bisher nur auf Deutsch erschienen war und er es deshalb nicht lesen konnte. Bernd hatte in diesem Moment mit dem Begehbaren Buch wunderbar gekontert: “Kein Problem. Unterhalte dich doch einfach mit meinem Buch auf Englisch.”
Tim O’Reilly war sofort begeistert von dem spielerischen Zugang zu Fachliteratur und der Möglichkeit, das Erlernen von fachlichen Inhalte spielerisch mit einem digitalen Companion zu begleiten. Der Bot als Mentor ist dabei ausgesprochen geduldig und versteht genau deinen Wissensstand oder Lernfortschritt.
Er ist wie ein Personal Trainer, der sich sofort auf dein ganz eigenes Niveau einstellen kann. Das ist gerade für Fachbücher spannend, die in Zukunft vermutlich als reines Buch noch seltener gelesen werden. Fachwissen hat eine immer kürzere Halbwertszeit und der digitale Mentor kann viel dynamischer reagieren.
Provokant gefragt: Können Personen sich in Zukunft nicht selbst Lernpfade mit Hilfe von ChatGPT etc. bauen?
Grundsätzlich schon. Bisher fängt man aber mit jedem neuen Prompt noch einmal ganz von vorne an. Außerdem reicht das Gedächtnis des Bot (das “Kontextfenster”) noch nicht weit genug.
Die Lernbegleitung bei unwritten wird über einen längerfristigen Speicher abgebildet, der sich Lernforschritte merkt und die persönliche Entwicklung über einen längeren Zeitraum begleiten kann.
Eine weitere spannende Facette ist die Art, wie wir optimal lernen. Die aktuellen Sprachmodelle geben dir gerne sofort die Lösung zu deinen Fragen. Viel nachhaltiger für das Lernen ist es aber, wenn dich der Bot stattdessen anhand der richtigen Rückfragen dabei begleitet, dass du dir die Lösung am Ende selbst erarbeitet hast. Also den Weg bis zum wirklichen Verstehen in den Mittelpunkt rückt.
Welches Buch würdest du gerne begehbar machen?
Das fällt mir schwer auf einen bestimmten Titel einzugrenzen. Ich glaube wir haben am meisten Lust auf die Bücher, bei denen Autor*innen und Verlage das Potenzial für ein Begehbares Buch sehen und dieses gemeinsam mit uns umsetzen wollen.
Gibt es ein Zitat über die Zukunft, das du gerne magst?
“Die Zukunft ist längst da, sie ist nur ungleich verteilt.”
Das ist momentan relevanter denn je. Wir haben so viele Diskussionen zum Thema KI und die Schere zwischen den Bewahrern und den Vordenkern geht enorm weit auseinander. Deshalb ist es so wichtig, Dinge selbst auszuprobieren, um die Möglichkeiten und Grenzen der aktuellen Sprachmodelle zu erleben. In dem Moment, in dem ich konkret mit KI spiele oder arbeite, sammle ich wertvolle Erfahrungen und das Thema KI wird entmystifiziert. Das hat wiederum jeder selbst in der Hand!
Weiterführende Links
- Kürzlich hat das Times Magazine die 100 besten Innovationen 2024 gekürt. Darunter das Startup “Rebind”, das mit einem vergleichbaren Ansatz wie unwritten arbeitet: “With Rebind, AI provides expert conversational commentary about a book in response to user questions.” Die Idee hat also Potenzial, wenn du mich fragst. 🙂 https://time.com/7094572/rebind/
- Artificial General Intelligence (AGI) erklärt: In seinem Blog “Wait but Why” hat Tim Urban einen ziemlich guten zweiteiligen Artikel über Künstliche Intelligenz geschrieben. “The AI Revolution”: https://waitbutwhy.com/2015/01/artificial-intelligence-revolution-1.html
- Transmediales Storytelling beim Kulturmanagement-Blog: https://kulturmanagement.blog/2011/08/22/transmedia-storytelling-die-kunst-des-digitalen-erzahlens/
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Ein Gedanke zu “Wenn aus Büchern Welten werden: Interview mit Stefan Probst zur Zukunft des Lesens und Lernens mit KI”