Der Kochzirkel vom Grünen Baum: Eine Zukunftsgeschichte über’s Lernen und die Veränderung

Der Kochzirkel vom Grünen Baum: Eine Zukunftsgeschichte über’s Lernen und die Veränderung

Bei unserem “Future~Present” Testlauf aus dem letzten Blogbeitrag haben Tobias Leisgang und ich über mögliche Zukünfte von Lernen & Bildung im Jahr 2040 gesprochen. Einen Aspekt aus unserem virtuellen Lagerfeuergespräch hat Tobias in eine Zukunftsgeschichte verpackt, die er hier ich hier im Blog veröffentlichen darf. 

Kurzer Rückblick: Die Future~Present Methode stammt aus dem Werkzeugkasten der Liberating Structures. Mit ihr werden die Teilnehmenden in eine wünschenswerte Zukunft versetzt, ca. 10 – 20 Jahre voraus. In einem Lagerfeuergespräch erzählen die “Älteren” in der Runde, wie sie den Weg in diese erfolgreiche Zukunft bewältigt haben. Mehr zur Methode kannst du in diesem Beitrag lesen.

Und nun Vorhang auf für die Zukunftsgeschichte “Der Kochzirkel vom Grünen Baum” von Tobias! 

Der Kochzirkel vom Grünen Baum

Freitagabend im „Grünen Baum“. Wie immer. Die Bierkrüge waren gefüllt, die Schafkopfkarten lagen auf dem Tisch, und Christian ließ sich wie gewohnt über Gott und die Welt aus. Eigentlich hätte alles wie immer sein können, aber in letzter Zeit war nichts mehr wie früher.  

Die Küche blieb seit Wochen kalt. Waltraud, unsere Wirtin, hatte die Karte drastisch zusammengestrichen. Nur noch Bier und Brotzeit gab es, weil sie das Kochen allein nicht mehr schaffte. Früher hatten die Frauen aus dem Dorf ausgeholfen, aber mit den Jahren waren die Kinder groß und die Frauen müde geworden. „Die Männer könnten ja mal ran,“ hatte Waltraud einmal gesagt, halb im Scherz, halb im Ernst. Doch das war natürlich keine Option.  

„Kochen ist nix für Männer,“ brummte Andi, der selbst zu Hause kaum den Kaffeelöffel fand.  

An diesem Abend war die Stimmung noch gedrückter als sonst, bis die Tür aufging und ein Mann hereinkam, der alles durcheinanderbringen sollte.  

„Grüß Gott,“ sagte er und setzte sich an den Tresen.  

Er war jung, mit dunkler Haut und einem freundlichen Lächeln. Er setzte sich an den kleinen Tisch neben unserem Stammtisch und bestellte sich ein Bier. 

„Du bist net von hier, oder?“, fragte Andi ohne eine Miene zu verziehen.    

„Nein, ich arbeite in der Brauerei, die euch beliefert,“ sagte er und hielt sein Bier hoch. „Gutes Zeug übrigens.“  

Der Mann stellte sich als Sam vor, geboren in Ghana, seit fünf Jahren in Deutschland. Er sprach einwandfreies Deutsch mit fränkischem Einschlag und hatte eine Art an sich, die neugierig machte. Doch was uns wirklich überraschte, war seine nächste Frage.  

„Was gibt’s denn heute zu essen?“  

Niemand sagte etwas. Man konnte eine Stecknadel fallen hören. Schließlich räusperte ich mich. „Essen? Gibt’s hier nimmer. Waltraud kann nicht mehr, und wir Männer… na ja, wir lassen uns halt gern bedienen.“  

Sam sah sich um. „Das heißt, ihr habt eine Küche, aber keiner kocht?“  

„So schaut’s aus,“ sagte Christian grimmig.  

Sam schüttelte den Kopf und sagte nichts mehr, doch sein Blick sprach Bände. Die Männer des Dorfes vertieften sich wieder ins Schafkopfspiel und würdigten den jungen Mann keines Blickes. Ich war der fünfte Mann am Tisch und so kam ich nach einer Weile mit ihm ins Gespräch. 

2025 ging Sam zum Studium nach Spanien, während in seiner Heimat auf die große Hitzewelle die große Flut kam. Als 2026 die Uni von Sevilla ebenfalls für Wochen im Schlamm versank, nahm die Uni Bamberg Sam für ein Semester auf. In einer der Brauereien verdiente er sich seinen Lebensunterhalt und der Brauereichef setzte sich dafür ein, dass Sam in Bamberg bleiben durfte.

Argwöhnisch betrachteten die Männer den jungen Mann als er sein Bier bezahlte und den Grünen Baum verließ. Wollte die Brauerei etwa auskundschaften, wie die Geschäfte liefen? War der Grüne Baum das nächste Wirtshaus was sterben würde?

Der zweite Besuch  

Am nächsten Freitag tauchte Sam wieder auf. Diesmal kam er mit einer großen Tasche und einem Grinsen, das skeptische Blicke auf sich zog.  

„Ich hab da was mitgebracht,“ sagte er und stellte die Tasche auf den Tresen. „Waltraud, was hast du an Lebensmittel da? Irgendwas, was wir verkochen können?“  

Waltraud hob eine Augenbraue, verschwand kurz in der Küche und kam mit einem Sack Kartoffeln zurück. „Im Kühlhaus ist noch ein Schweinerücken. Daraus wollt ich zwar für die Familie einen Schweinebraten machen, aber den könnt ihr meinetwegen haben.”  

„Na dann. Auf geht’s“, sagte Sam und zog seine Schürze an.  

Ich weiß nicht, warum, aber ich stand auf und folgte ihm. Vielleicht war es die Neugier. Oder der Gedanke, dass mal wieder etwas Warmes auf den Tisch kommen könnte. Christian blieb sitzen und schnaubte: „Kochen? Ihr habt wohl einen Vogel.“  

Nur der Andi kam mit in die Küche. „Ich schau mir das an. Aber mitmachen? Auf keinen Fall!“  

Sam gab uns Aufgaben. Ich schnitt Kartoffeln, Andi durfte das Fleisch in eine würzige Marinade aus Gewürzen einlegen. Sam erklärte geduldig jeden Schritt. Der Duft, der bald aus der Küche zog, war wie ein Versprechen.  

Am Ende stand ein dampfendes Gericht auf dem Tisch. Selbst Christian musste zugeben, dass es „gar nicht so schlecht“ war. Doch mehr als Lob war nicht zu holen.  

Der Wendepunkt  

An einem der nächsten Freitage ließ es Sam darauf ankommen. Er kam wieder, diesmal ohne Tasche, nur mit einem kühlen Blick. „Heute wird nicht gekocht,“ sagte er, als Waltraud ihn begrüßte.  

Die Männer waren entsetzt. „Warum nicht?“ fragte Christian, schon halb aufgestanden.  

„Weil ihr immer nur nehmt und nie gebt,“ sagte Sam und sah uns an. „Wenn ihr wollt, dass der Grüne Baum überlebt, dann müsst ihr was dafür tun.“  

Er leerte sein Bier, stand auf und verließ das Gasthaus.  

Was dann geschah, war das Gegenteil von dem, was wir erwartet hatten. Keiner ging. Stattdessen brach ein Streit aus. Christian wetterte, Andi fluchte, und ich, na ja, ich hielt mich raus. Aber Waltraud grinste in sich hinein.  

„Vielleicht hat er recht,“ sagte sie schließlich.  

Wir wussten es noch nicht, aber das war der Moment, an dem der Grüne Baum anfing, sich zu verändern. 

Der Anfang vom Wandel  

Am nächsten Tag rief Waltraud mich an. „Du, Jochen, wenn wir so weitermachen, ist der Grüne Baum bald Geschichte. Ich schaff’s allein nicht mehr, und Sam hat recht: Ihr müsst euch zusammenreißen.“  

Ich versprach ihr, darüber nachzudenken, und sprach am Abend mit den anderen am Stammtisch. Es dauerte nicht lange, bis ich sie alle bequatscht hatte. „Hört mal, es kann doch nicht sein, dass der Grüne Baum zumacht, weil wir zu stur sind, mal einen Kochlöffel in die Hand zu nehmen.“  

Sepp brummte: „Und was schlägst du vor?“  

„Wir laden Sam ein, aber diesmal helfen alle mit.“  

Der Kochzirkel nimmt Form an  

Am folgenden Freitag standen wir tatsächlich alle in der kleinen Küche. Sam war wieder dabei, mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Diesmal blieb keiner draußen sitzen.  

„Gut,“ sagte Sam, „heute machen wir’s richtig. Ihr habt hier eine Tradition, und ich hab meine. Lasst uns schauen, was passiert, wenn wir die verbinden.“  

Er hatte wieder Gewürze mitgebracht, dazu Kräuter und ein Rezept, das er uns Stück für Stück erklärte. Es war etwas, das er „Pork Jollof“ nannte – ein afrikanisches Reisgericht, diesmal aber mit Kartoffeln, weil wir keine Kochbananen hatten.  

Wir lachten, schnitten, rührten und diskutierten. Christian schimpfte über die „vielen exotischen Gewürze“, doch als er probierte, war er der Erste, der um Nachschlag bat.  

Am Ende des Abends hatten wir nicht nur ein köstliches Gericht, sondern auch etwas anderes gewonnen: Stolz. Es war ein eigenartiges Gefühl, gemeinsam etwas geschaffen zu haben.  

Der Kochzirkel wird zum Ritual  

Was als Versuch begann, wurde schnell ein fester Bestandteil unserer Wochenplanung. Jeden Freitag trafen wir uns in der Küche des Grünen Baums. Jeder brachte etwas mit: Zutaten, Ideen oder auch nur seine zwei Hände. Sam zeigte uns nicht nur Gerichte aus seiner Heimat, sondern inspirierte uns auch, unsere eigenen Rezepte zu verändern.  

„Wie wär’s, wenn wir das Schäuferla mal anders würzen?“ fragte er eines Abends, und obwohl Christian fast vom Stuhl fiel, war es am Ende ein Hit.  

Die Küche wurde ein Ort der Begegnung. Es ging nicht nur ums Essen, sondern auch um Gespräche. Über Sams Heimat, über unsere, über das Leben.  

Der Grüne Baum blüht auf  

Mit der Zeit sprach sich unser Kochzirkel herum. Immer mehr Dorfbewohner kamen vorbei, neugierig auf die Gerichte und die Geschichten dahinter. Junge Leute, die den Grünen Baum schon fast vergessen hatten, kehrten zurück.  

Waltraud sah plötzlich wieder ein volles Haus. „Ihr rettet mir hier die Hütte,“ sagte sie eines Abends.  

„Wir retten uns selbst,“ erwiderte Sam.  

Ein Jahr später wurde unser kleiner Kochzirkel sogar in der Zeitung erwähnt. „Kulinarische Brücken schlagen – wie ein fränkisches Gasthaus neue Wege geht,“ lautete die Überschrift.  

Ich sah zu Sam, der neben mir am Stammtisch saß. „Was hast du uns da nur eingebrockt?“ sagte ich grinsend.  

„Nur ein bisschen Geschmack,“ antwortete er.  

Heute ist der Grüne Baum wieder ein lebendiger Treffpunkt. Und obwohl Waltraud das Zepter mittlerweile an eine jüngere Generation weitergegeben hat, bleibt der Kochzirkel bestehen. Es ist unser Ritual, unser Beitrag.  

Manchmal sitzt Sam immer noch bei uns, lacht und erzählt Geschichten. Und manchmal, wenn der Duft von Gewürzen aus der Küche weht, denke ich daran, wie viel ein bisschen Mut und ein paar offene Gespräche bewirken können.  

Denn der Grüne Baum steht noch, nicht wegen Tradition, sondern wegen Veränderung. 

Gedanken zur Geschichte

Ich fand es spannend, gemeinsam mit Tobias zu überlegen, welchen Wert das Wissen von Menschen aus anderen Regionen der Welt für uns in Mitteleuropa haben kann, z.B. wenn es um die Anpassung von Archiektur, Stadtplanung oder Landwirtschaft an die Folgen der Klimaveränderung geht. Oder wie wir das Wissen indigener Kulturen mehr wertschätzen und nutzen können.

Noch mehr interessieren mich deine Gedanken zur Geschichte. Was hat dir gefallen? Was hat dich beim Lesen überrascht oder irritiert? Schreib Tobias und mir gerne in den Kommentaren. 🙂


Entdecke mehr von UTOPIEGESTALTEN

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu “Der Kochzirkel vom Grünen Baum: Eine Zukunftsgeschichte über’s Lernen und die Veränderung

Hinterlasse einen Kommentar