
Über die Rolle von Zukünften in Unternehmen und Schulen habe ich kürzlich mit Eva Tomas Casado gesprochen. Mit ihrer Strategieberatung “Simple Thinking” begleitet Eva Unternehmen beim Segel-Setzen in Richtung Zukünfte, außerdem leitet sie seit Kurzem den österreichen Teach the Future-Hub, mit dem sie Zukünftebildung praxisnah in Schulen bringt. Wir haben über so viele spannende Aspekte gesprochen, dass ich das Interview für den Blog in zwei Teile aufteile. Hier kannst du Teil 1 des Interviews lesen, bei dem es um die Arbeit mit Zukünften in Unternehmen und um ein weiteres Lieblingsthema von Eva und mir geht: Bücher.
Hallo Eva. Bitte stell dich den Leser*innen des Blogs in eigenen Worten vor.
Mein Name ist Eva Tomas Casado, ich bin geboren und aufgewachsen in Österreich. Ich stelle mich gerne vor als “Futurist by Nature”, denn das Zukunftsdenken liegt in meiner Natur. Außerdem bin ich “Engineer by Training”, denn ich habe ein wissenschaftlich-technisches Studium abgeschlossen und bin in einer sehr ingenieurwissenschaftlichen Tradition verankert. Und ich bin “Philosopher by Heart”, gehe gerne tief in Themen und frage nach dem Warum. Mit alldem bin ich beruflich und privat auf meiner eigenen Reise, begegne hin und wieder neuen interessanten Perspektiven und diese teile ich gerne in unterschiedlichen Kontexten.
Wir beide haben uns kennengelernt über einen Linkedin-Beitrag über “Begehbare Bücher” und der Erweiterungsmöglichkeit des literarischen Inhalts mittels eines Chatbots. Welche Rolle spielen Bücher für dich bei der Beschäftigung mit Zukünften?
Da gibt es mehrere Perspektiven drauf. Ich selbst bin ein Büchernarr und finde spannend, dass Bücher seit jeher eins dieser Dinge sind, das immer totgeredet wurde. Dem Buch wurde schon oft eine Zukunft abgesprochen und dennoch sind sie – zumindest in meinem Umfeld – immer noch sehr präsent im Leben der Menschen. Das zeigt wieder mit dem Blick auf Zukunftsforschung, dass es eben nicht DIE EINE Zukunft gibt, sondern den Möglichkeitsraum.
Der andere Aspekt von Büchern ist der, dass, im Gegensatz zu derzeit so populären Videoformaten oder Filmen, wenn du ein Buch liest, die Ambiguität immer einen Raum für Eigeninterpretation und -imagination lässt. Ein Video tut das nicht, dort gibt es keine unausgefüllten Zwischenräume zwischen den Worten. Imagination über das Bekannte hinaus ist für viele Menschen schwierig. Das Beschäftigen mit großen Narrativen in Büchern regt diesen Teil unserer Vorstellung anders an, als es zum Beispiel Videos tun.
Bedeutet das auch, dass das Bücherlesen in Verbindung mit Zukünften gar nicht genrespezifisch, z.B. auf Science Fiction-Literatur begrenzt ist? Wichtiger wäre dann auf einer abstrakten Ebene der imaginative Prozess an sich, der das Denken in eine Zukunfts-Modus bringt.
Genau. Manche Genres machen das Denken vielleicht einfacher, aber das reine Auseinandersetzen mit einer Sprache bringt schon dieses interpretative antizipatorische Denken mit sich.

Wenn für Einzelpersonen dieser imaginative Prozess schwierig oder ungewohnt ist, wie ist deine Erfahrung hierzu mit Unternehmen? Fällt es Unternehmen leicht, sich mit dem Thema Zukunft auseinanderzusetzen? Und warum sollten sie das überhaupt tun?
Erst gestern gestern hab ich ein Zitat von Albert Einstein gelesen: ”Ich beschäftige mich nicht mit der Zukunft. Sie kommt sowieso schnell genug.” Es scheint,dass viele Unternehmen danach funktionieren. Im Unternehmenskontext ist heute noch wenig Raum für die Zukunft. Unsere Welt hat aufgrund der technologischen und geo-politischen Vernetzung einen Komplexitätsgrad erreicht, den wir so noch nie hatten. In der stark dynamischen Außenwelt kommen wir mit linearen Methoden nicht weiter, es entsteht viel Reibung und es bleibt wenig Raum, um weiter hinauszuschauen.
Ich nehme wahr, dass viele Unternehmen anerkennen, dass das Umfeld komplex und dynamisch ist, aber es ist schwierig, eine Balance zwischen Struktur und Anpassung zu finden. Diese Balance zu finden ist momentan das große Thema.
Wie kann so eine Beschäftigung mit Zukünften aussehen?
Ich beschreibe es gerne mit einem Bild: Vom Umfeld her sind wir eigentlich in einem Archipel mit kleinen Inseln, viel Wasser und Strömungen. Mit klassischen Strategiemethoden versuchen wir Brücken zu bauen, haben aber gar keinen stabilen Untergrund, um diese Brücken zu verankern. Eigentlich müssen wir alle miteinander lernen, wie wir auf einem Schiff segeln und mit dieser Art von Navigation umgehen. Zukunftsarbeit kann uns helfen zu verstehen, dass wir auf einen Horizont zu segeln und nicht auf einen Punkt.
Was bedeutet für dich die Arbeit mit Zukünften im Unternehmenskontext?
Wie vorhin schon erwähnt, führen die aktuellen Turbulenzen in unserem Umfeld dazu, dass sich viele Unternehmen vor allem mit der Gegenwart beschäftigen. Dieser operative Druck lässt wenig Raum, sich mit dem Weiter-Weg auseinanderzusetzen. Viele Unternehmen glauben, dass sie sich mit Trends beschäftigen müssen, um ihre Planungen zu gestalten. Doch Trends sind keine Boten der Zukunft, sondern Aspekte der Gegenwart. Sie zeigen uns, was uns gerade vorantreibt – in dem Bild vom Segelschiff wären es die Strömungen, die das Schiff in Bewegung halten. Doch bei dieser ständigen Beschäftigung mit dem Jetzt verlieren wir leicht aus den Augen, wohin wir eigentlich steuern wollen. Diese Richtung ist jedoch entscheidend. Zudem gibt es auch die Diskussion um Trends und Gegentrends – unterschiedliche Strömungen, die das Segeln beeinflussen. Es ist daher sinnvoll, über das unmittelbare Umfeld hinauszuschauen und sich auch mit dem zu beschäftigen, was noch kommen könnte.
Wie kann für Unternehmen ein niedrigschwelliger Einstieg in die Beschäftigung mit Zukünften gelingen?
Bei vielen Unternehmen braucht es als Startpunkt eine Außenperspektive. Wie in deinem Beitrag mit dem Futurist-in-Residence. Ich glaube aber nicht, dass jedes Unternehmen das dauerhaft braucht. Zukunftsarbeit muss grundlegend in die Organisation eingebettet werden, unabhängig von einer Person. Das Ziel ist, dass die Organisation selber zukunftsgerichtet arbeiten kann. Für diesen ersten Impuls hat sich methodisch das Heranführen an Horizon Scanning bewährt.
Dabei ist auch der Aspekt wertvoll, dass eine Zukunft, die ich mir vorstelle, nicht unbedingt die ist, die es wirklich wird und dass ich auch aktiv etwas dagegen machen kann. Wir sind in unserer Zeit schon sehr dystopisch und ich glaube das ist, weil wir merken, dass das vorausprojizieren von früher nicht mehr klappt und wir deswegen glauben, es wird alle furchtbar sein. Das Auseinandersetzen mit verschiedenen Horizonten weckt immer auch positives und das Wahrnehmen von “Agency”.
“Nur eine Gesellschaft die den Horizont als absolut ansieht, kann vor dem Abgrund stehen.”
Eva Tomas Casado, frei nach Ludger Schwarte (Buch: “Qualitäten der Freiheit: Demokratie für übermorgen”)
Mit deiner Strategieberatung “SimpleThinking” unterstützt du Unternehmen dabei, mit dem Framework “Generative Strategy” einen individuellen Weg in ihre Zukunft zu entwickeln. Was ist das Besondere an deiner Arbeit mit dem Framework?
Das Framework ist eine Zusammenführung von Modellen aus der Zukunftsforschung, Strategie und Komplexitätsforschung. Viele einzelne Methoden sind oft noch linear oder abstrakt oder sie funktionieren sehr isoliert. Mir ist es ein Anliegen, mit dem Generative Strategy-Framework die drei Zeitebenen Vergangenheit- Gegenwart – Zukunft miteinander zu verbinden. Ich komme aus einem Industriekontext, in dem die Unternehmen eine teilweise jahrhundertelange Unternehmenshistorie haben, deswegen wollte ich die Tradition und Erfahrungen aus der Vergangenheit auch einbinden. Aus der Kombination der drei Ebenen entsteht ein zukunftsgerichtetes Zusammenspiel, das auf die Erfahrungen der Vergangenheit baut und gleichzeitig mit der Komplexität der Gegenwart arbeitet.
Im zweiten Teil des Interviews mit Eva geht es um ihr Engagement für Teach the Future, ein internationales Netzwerk, das Zukünftebildung in Schulen verankert. Also stay tuned.
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4 Gedanken zu “Zukünftebildung in Unternehmen und Schulen. Interview mit Zukünftedenkerin Eva Tomas Casado (Teil 1 von 2)”