Buchrezension zu „Das Jahr 2440“ von Louis-Sebastien Mercier

Buchrezension zu „Das Jahr 2440“ von Louis-Sebastien Mercier

Im Jahr 1771 veröffentlichte der französische Schriftsteller Louis Sebastien Mercier einen Roman, der das Utopiegenre veränderte. Mit seiner Zukunftsutopie “Das Jahr 2440” traf Mercier so sehr einen Nerv der bevorstehenden französischen Revolution, dass das Buch sofort nach Erscheinen in Frankreich verboten wurde. Das Buch ist nach Thomas Morus’ “Utopia” ein Standardwerk der utopischen Literatur. Hier stelle ich dir das Buch vor.

Über das Buch und den Autor

Der Roman “Das Jahr 2440” von Louis-Sébastien Mercier ist ursprünglich im Jahr 1771 anonym erschienen. Die von mir gelesene Ausgabe stammt von 1989, hat 355 Seiten und ist im Insel Verlag erschienen. Derzeit ist es nur noch antiquarisch erhältlich.

Der Autor Louis-Sébastien Mercier lebte 1740-1814 und war französischer Schriftsteller. 

Zu seiner Zeit regierte König Ludwig XV. mit nahezu uneingeschränkter Macht. Die französische Gesellschaft war in drei Stände unterteilt: den Klerus, den Adel und den dritten Stand, der die Mehrheit der Bevölkerung umfasste und aus Bauern, Bürgern und Handwerkern bestand.

Das Leben in Paris um 1770 war geprägt von starken sozialen Gegensätzen und einer dynamischen städtischen Kultur. Mit 600.000 Einwohnern war Paris nach London die zweitgrößte Stadt Europas. Ein Großteil der Bevölkerung lebte in Armut und mit schlechter medizinischer Versorgung. Gleichzeitig war Paris ein kulturelles Zentrum mit zahlreichen Theatern, Opernhäusern und Salons, in denen sich allerdings nur die intellektuelle Elite traf.

Die sich anbahnende aufklärerische Revolution und wissenschaftliche Entdeckungen führten wenig später zur französischen Revolution.

Worum es geht

Eines Abends im Jahr 1768 trifft der Ich-Erzähler in Paris einen “alten Engländer, dessen Seele so freimütig ist” (S. 25) und der – sozusagen als Gegenüberstellung zur nachfolgenden Utopie –  alle derzeitigen Missstände Frankreichs benennt: Überfluß und Armut, Verbrechen, Verkehrschaos durch ungeregelten Straßenverkehr, unhygienische Verhältnisse, fehlende Kultureinrichtungen und Machtmissbrauch. 

Nach dem Gespräch mit dem Engländer geht der Ich-Erzähler zu Bett und schläft ein. 

“Sobald mir der Schlaf die Augen zudrückte, träumte ich, daß ich eingeschlafen wäre und aufwachte.” (S. 31)

Er erwacht als 700-jähriger Mann im Jahr 2440 in Paris, gealtert, mit seiner ursprünglichen Kleidung und guter Laune. Auf einem öffentlichen Platz trifft er schnell einen Gefährten, “ein Bürger, in dem ich später einen Gelehrten erkannte” (S. 32).

Dieser geht mit ihm durch das Paris im Jahr 2440 und erklärt ihm – in 43 Kapiteln – die aktuellen Gegebenheiten der zukünftigen Lebensumstände.

Am Ende wird der Ich-Erzähler bei einem richtigen Showdown in den Trümmern von Versailles von einer Ringelnatter gebissen und erwacht plötzlich.

Die Utopie in “Das Jahr 2440” 

Macht und Mächtige

Der Gefährte erzählt: Unsere Regierungsform “ist weder monarchisch noch demokratisch, noch aristokratisch: Sie ist vernünftig und für die Menschen gemacht” (S. 219).

Die Regionen Frankreichs verwalten sich in dezentralisierten Provinzen selbst, die Monarchen und der Senat sind für die Verwaltung und Ausführung allgemeiner Gesetze zuständig. 

Die Herrschenden zeichnen sich aus durch Vernunft und Gastfreundschaft, Stärke und Mäßigung, Gerechtigkeit und Milde. Ihre Besitztümer werden für die Wissenschaft investiert und sie verpflichten sich, für Heil und Ruhe zwischen den Völkern zu sorgen. 

Stadtbild

Das Paris im Jahr 2440 ist geprägt von schönen Denkmälern und es gibt große gepflegte Plätze, die allen Bürgern offenstehen. Alle Häuser haben Zugang zu frischem Wasser, sind sauber und es gibt frische Luft. Sie sind umgeben mit Terassen mit Blumen, Früchten und frischem Laub.

Medizinische Versorgung 

Es gibt kein zentrales Krankenlager in der Stadt, sondern kleinere medizinische Versorgungseinheiten. Um die professionelle Versorgung inklusive Impfungen kümmern sich gelehrte und barmherzige Ärzte, die als angesehene Bürger gelten. 

Die Menschen ernähren sich gesundheitsbewusst, ein Leben in Überfluss und Völlerei ist verpönt.

Kultur & Bildung

Das Theater fungiert als kulturell anspruchsvoller Ort und ist “öffentliche Schule der Moral und des Geschmacks“ (S. 135).  “Alle Künste hatten sozusagen eine lobenswerte Verschwörung zum Besten der Menschheit angezettelt.” (S. 204)

Das Wissen und die handwerkliche Arbeitsleistung von Älteren werden geschätzt. So schreiben z.B. Sterbende ihre Erfahrungen in ein Buch, welches als Wissens-Erbe von den Nachfahren hochgeschätzt wird.

Humanistische Erziehung gilt als hohes Gut. Die Evolutionstheorie und Enzyklopädie sind Standardwerke der Bildung.

Rolle der Frau

Auch im Jahr 2440 gelten für Mercier Frauen als schwaches und zartes Geschlecht.

“Die Weiber, den Pflichten ihres Standes wiedergegeben, waren von der einzigen Sorge, die ihnen der Schöpfer auferlegt hat, erfüllt: Kinder zu gebären und denen ihre Muße zu versüßen, die mühsam für die Bedürfnisse des Lebens sorgen” (S. 37)

Die Frauen gehen keinen “ekelhaften Vergnügungen” (S. 241) mehr nach,  sondern genießen die Achtung der Männer und “das reizende Vergnügen,  Mutter zu sein.” (S. 242)

„Paris im Jahr 2440 nach der Beschreibung von Mercier“, erstellt von ChatGPT

Drei Dinge, die ich beim Lesen dieses Buchs gelernt habe

Wir leben in utopischen Zeiten: Beim Lesen fand ich bemerkenswert, dass viele Details aus der Utopie aus dem 18. Jahrhundert heute Realität sind: Dezentrale Krankenversorgung, Hygiene, geregelter Straßenverkehr usw. In gewisser Weise leben wir in utopischen Zeiten, wie auch der Schriftsteller Thomas von Steinaecker im deutschlandfunk-Interview bemerkt: “Uns geht es so gut wie noch nie, unsere Ängste sind im Vergleich mit den Ängsten, die andere Menschen in anderen Ländern haben, eigentlich absurd – im Prinzip ist das die Erfüllung der Utopie, und gleichzeitig ist, glaube ich, das Gefühl da, dass diese Blase jeden Moment platzen könnte – siehe gestern –, dass es ganz schnell umschlagen könnte. Und die Erfüllung jeder Utopie beinhaltet, glaube ich, auch eine Dystopie, siehe „Schöne neue Welt“. Wenn die Utopie dann in Erfüllung geht, ist sie plötzlich gar nicht mehr so schön, sprich, die materielle Erfüllung, die wir haben, geht einher, glaube ich, mit einer völligen geistigen Orientierungslosigkeit.”

Die Utopie ist eine Frage der Perspektive: Bei Thomas Morus’”Utopia” waren das widersprüchlichste Utopie-Element für mich die Sklaven, die völlig selbstverständlich zur Erzählung dazugehörten. Bei Mercier ist es die königliche Bibliothek, in der es auffällig wenig Bücher gibt. Der Begleiter begründet dies mit der Feststellung, “dass eine reichhaltige Bibliothek der Sammelplatz der größten Ausschweifungen wie der dümmsten Illusionen ist” (S. 153). In Zeiten von Social Media getriebener Desinformation und Verschwörungserzählungen, hat diese Aussage eine gewisse Relevanz. Die Konsequenz klingt – vor allem mit Blick auf Deutschlands jüngste Vergangenheit – aber sehr erschreckend: “Mit dem Einverständnis aller haben wir alle Bücher, die wir als seicht, nutzlos oder gefährlich erschienen, auf einem weiträumige, ebenen Platz zusammengetragen; … Diesen Turm haben wir angezündet,  als ein Sühneopfer, das wir der Wahrheit, dem guten Geschmack und dem gesunden Verstande brachten“ (S. 154).

“Mind your Perspective” formuliert es die Science Fiction Autorin Octavia Butler entsprechend als Regel für Futurist*innen.

Utopien als Diagnose: Im Roman “Das Jahr 2440” wird sehr deutlich, dass die Utopie eine Kritik an den desolaten Zuständen Frankreichs des 18. Jahrhunderts ist. Bei “Utopia” von Thomas Morus war das noch nicht so deutlich, in diesem Werk von Sebstian Mercier üben der träumende Ich-Erzähler und seine Gefährten ausdrückliche Kritik an der vergangenen Zuständen. Die Unternehmensberaterin Mary-Jane Bolten beschreibt es in ihrem LinkedIn-Post treffend: “Utopien sind keine Ziele, sondern Diagnosen. Utopien helfen uns, Schwachstellen im Jetzt zu erkennen – als radikale Kritik am Status Quo, nicht als naive Zukunftsfantasien.” Diesen Gedanken finde ich spannend, denn dann fokussiert eine utopische Erzählung viel mehr auf das Erkennen von Verbesserungspotenzial im Hier und Jetzt und weniger auf das Aufzeigen des einen, richtigen Gegenentwurfs. 

(M)eine ergänzende Feststellung: Es ist doch bemerkenswert, dass dies die zweite Utopie ist, in der sich der Autor allerhand utopische Dinge vorstellen kann (bei Mercier: Abschaffung der Sklaverei, globaler Frieden, Wohlstand für alle), die Gleichberechtigung von Frauen aber einfach GAR KEINE Rolle spielt. Ich denke dabei direkt an das Buch “Unsichtbare Frauen” von Caroline Criado-Perez, die aufzeigt, in welchen Bereichen (Medizin, Strassenverkehr, Produktdesign) Frauen auch heute noch nicht angemessen mitgedacht werden. (Notiz an mich: Demnächst unbedingt das Thema “Feministische Utopien” in den Fokus nehmen.)

Zusammenfassende Einschätzung

“Zu wünschen, daß alles gut sei, ist der Wunsch des Weltweisen” (S. 23), des tugendhaften, empfindsamen Wesens, das laut Mercier manchen Menschen abhanden gekommen zu sein scheint. Aus dieser Perspektive heraus baut der Autor seinen “Traum aller Träume” en Detail auf und so manches Mal fand ich das etwas ermüdend beim Lesen. Es gibt Fußnoten auf fast jeder Seite, mit teils ausführlichen ergänzenden Überlegungen und zeitgenössischen Referenzen, die für mich den Lesefluss erschwert haben. 

Bemerkenswert am “Jahr 2440” ist die Wende des utopischen Genres, weg von der räumlichen Ferne (eine Insel im Heute) in die Zukunft in Form eines Traumes. Diese Neuerung ist speakulär und macht den Roman zu einer Besonderheit der utopischen Literatur.

Insgesamt ist “Das Jahr 2440” für mich ein Buch, das zu Recht als Utopie-Klassiker gilt. Wer sich mit Hingabe und Konzentration darauf einlässt, wird unzählige viele Zukunftsvisionen entdecken, die kurz vor Beginn der französischen Revolution für viele als DIE wünschenswerte Zukunft gegolten haben mögen und die heute Teil unseres Alltags sind. 

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