Buchrezension zu „Zukunft ohne Angst“ von Isabella Hermann

Buchrezension zu „Zukunft ohne Angst“ von Isabella Hermann

Zwischen der Utopie und der Dystopie liegt die Anti-Dystopie, ein literatisches Setting, in dem eine menschengemachte Katastrophe zu mehr Gerechtigkeit, Gemeinschaft und einem veränderten Machtgefüge führt. Mit ihrem Buch „Zukunft ohne Angst“ beschreibt Isabella Hermann dieses SF-Genre und bietet damit eine pragmatische und ermächtigende Perspektive auf unsere komplexe Welt.

Über das Buch und die Autorin

Das Buch “Zukunft ohne Angst” ist im April 2025 im oekom Verlag erschienen. Die Autorin Dr. Isabella Hermann ist Politikwissenschaftlerin und Zukünfteforscherin. Sie forscht, schreibt und hält Vorträge zu Science Fiction mit dem Schwerpunkt auf deren technologische, gesellschaftliche und global-politische Entwicklungen. Ihr aktuelles Sachbuch “Zukunft ohne Angst. Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen” hat 116 Seiten und kostet 19,- Euro.

Worum es geht

In “Zukunft ohne Angst” betrachtet Isabella Hermann ein recht neues Literatur-Genre, das eine Brücke zwischen utopischen und dystopischen Erzählungen schlägt: Die Anti-Dystopie. Sie verbindet eine dystopisches Ausgangslage mit utopischen (im Sinne von wünschenswerten, positiven) Entwicklungen.

Die Dystopie als gegenwärtige Katastrophe verharrt dabei nicht in der Negativspirale, sondern wird durch handelnde Akteure, die sich eine bessere Welt vorstellen können, weiterentwickelt.

“Das macht gerade das Konzept der Anti-Dystopie so interessant, da sie von einer schwierigen Gegenwart ausgeht, sich aber gegen eine düstere Entwicklung der Dystopie stellt, ohne von einer unerreichbaren perfekten Welt der Utopie zu träumen.” (“Zukunft ohne Angst”, S. 23)

Laut der Autorin sind für das Genre der Anti-Dystopie drei Bestandteile wichtig:

  1. Die aktuelle Katastrophe hat ihren Ausgangspunkt im Anthropozän.
  2. Die Katastrophe wird von der dystopischen Entwicklung entkoppelt. Hierbei geht es vor allem um einen Zuwachs an Gerechtigkeit, Inklusion, Mitbestimmung in Gemeinschaften und um die Veränderung von vorherrschenden Machtstrukturen. 
  3. Ein inhärenter Imperfektionismus führt zu einer Verbesserung, aber nicht zu einem perfekten Ende.

Im Buch geht die Autorin außerdem auf die Besonderheiten der Anti-Dystopie im sog. Kapitalozän ein (einem Zeitalter der technologischen und kolonialen Abhängigkeiten), sowie auf die Bedeutung einer feministischen und artenübergreifenden Perspektive.

Drei Dinge, die ich beim Lesen dieses Buchs gelernt habe

  • Die Anti-Dystopie als komplexer Prozess. Dystopische Erzählungen sind oft Katastrophenspiralen, die in dysfunktionalen, nicht wünschenswerten Zukünften spielen. Demgegenüber stehen die Utopien als perfekter Endzustand, starr und gleichzeitig fragil. Die Anti-Dystopie beschreibt einen Prozess von einem dystopischen Zustand hin zu einem etwas-weniger-dystopischen Zustand. Das macht sie lebendig, fluide und überraschend.
  • Die dystopische Katastrophe ist sexistisch; die Anti-Dystopie versucht, es nicht zu sein. Reales Beispiel gefällig? Frauen und Kinder im globalen Süden sterben heutzutage mit einer 14-fach höheren Wahrscheinlichkeit bei einer Katastrophe als Männer – “weil sie später gewarnt werden, sich um Angehörige kümmern oder schlechter schwimmen können.” (S. 47) Die Anti-Dystopie beschreibt demgegenüber ein feministisches Gerechtigkeitselement, das die genderbezogene Ungerechtigkeit vermindert.
  • Komplexität als Chance auf Mitgestaltung. In einem Katastrophenszenario gibt es nicht DIE EINE Lösung, die alles zum Guten wendet. Stattdessen müssen viele kleine Verbesserungen probiert, justiert und notfalls verworfen werden. Das senkt die Hemmschwelle für jede*n Einzelne*n, sich an diesen Verbesserungen zu beteiligen. Oder um es mit den Worten der Ethnologin Margaret Mead zu sagen: “Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“

Lieblingszitat

“Eine anti-dystopische Haltung bedeutet anzuerkennen, dass die Zukunft unvollkommen und konfliktreich sein wird, dass wir sie aber trotz aller Widrigkeiten zu einem guten Ort machen können. Denn gerade weil wir in einer Zeit vielfältiger Krisen leben, ist das Engagement für eine humane Welt, egal ob auf großer Bühne oder in Alltagshandlungen, ob mit großem Risiko oder mit kleinen Gesten, nie ein sinnloses Unterfangen, sondern der Schlüssel zur Abwendung und Überwindung dystopischer Gegenwart und Zukünfte.” (Zukunft ohne Angst, S. 92f)

Zusammenfassende Einschätzung

Es gibt Bücher, die einem zur passenden Zeit eine bereichernde Perspektive bieten. Das Konzept der Anti-Dystopie ist für mich eines, denn es fügt der Zukünftedichotomie Utopie – Dystopie eine neue Facette hinzu. Mir gefällt der Gedanke, die zukünftige Entwicklung als Prozess hin zu etwas Gutem (oder zumindest Besserem) zu sehen und nicht als statisches Zukunftsbild.

Das Buch selbst könnte  für Menschen im Bereich Literatur und Zukünfteforschung interessant sein, sowie für alle, die sich mit Science/Speculative Fiction beschäftigen.

Weiterführende Infos

  • Podcastfolge “Antidystopien – Zukunft ohne Angst mit Isabella Hermann” im Podcast “Kritische Zukunftsforschung” von Jonas Drechsel und Johannes Kleske. 
  • Als anti-dystopisches Referenzwerk wird der SF-Roman “Das Ministerium für die Zukunft” herangezogen, dessen Autor Kim Stanley Robertson in einem Interview zum ersten Mal den Begriff der Anti-Dystopie verwendet haben soll. Dieses Buch habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen und war gleichermaßen überrascht, erschüttert und begeistert von der ungewöhnlichen Erzählung. Umso mehr freue ich mich, dass es mit der Anti-Dystopie nun ein geeignetes Konzept zur Einordnung dieses Werkes gibt.


Entdecke mehr von UTOPIEGESTALTEN

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu “Buchrezension zu „Zukunft ohne Angst“ von Isabella Hermann

Hinterlasse einen Kommentar