Utopisches Schreiben, Future Skills und Demokratie. Interview mit der  Sprachwissenschaftlerin Katrin Girgensohn

Utopisches Schreiben, Future Skills und Demokratie. Interview mit der  Sprachwissenschaftlerin Katrin Girgensohn

Geteilte Werte und Hoffnungen sichtbar machen und damit die Demokratie stärken: Durch utopisches Schreiben wird’s möglich, sagt Katrin Girgensohn. Katrin ist Schreibwissenschaftlerin, Professorin für Kreatives Schreiben und Autorin. In diesem Interview gibt sie Einblicke in ihre Arbeit, die Bedeutung von Future Skills und ihre eigene Utopie-Lernreise.

Hallo Katrin. Bitte stell’ dich den Leser*innen des Blogs vor.

Ich bin als Schreibwissenschaftlerin Professorin an der SRH University of Applied Sciences Heidelberg, am Standort Berlin. Ich lehre vor allem im BA-Studiengang Kreatives Schreiben und Texten und im mehrsprachigen internationalen Masterstudiengang Creative Writing, wo wir Teil eines Verbundes von Hochschulen aus den Niederlanden, Spanien und Italien sind. Außerdem forsche und lehre ich auch an der Europa-Universität Viadrina, schreibe literarisch und habe eine Leidenschaft für kollaborative Schreib- und Lernprozesse, wie sie z.B. in Schreibzentren an Hochschulen angestoßen werden.

Bei unserem Kennenlernen über Linkedin hast du erwähnt, dass du dich selbst gerade auf einer Lernreise zum Thema “Utopie” befindest. Was hat es damit auf sich?

Meine Lernreise zum Thema „Utopie“ hat verschiedene Startpunkte. So habe ich mich viel damit auseinandergesetzt, wie wichtig Geschichten für uns Menschen sind und welche Macht Geschichten haben. Aber die Geschichten, die im Moment kursieren, sind sehr pessimistisch oder sogar dystopisch. Sie machen Angst vor der Zukunft. Ich wollte die Studierenden in unseren Studiengängen, die ja das Handwerk des Erzählens lernen, ermutigen, Geschichten über ein besseres zukünftiges Leben zu entwickeln, damit das überhaupt wieder vorstellbar wird. Also habe ich begonnen, mich mit dem Thema Utopien auseinanderzusetzen und auch selbst einen utopischen Roman geschrieben, um das zu erproben.

Der andere Startpunkt meiner Lernreise zum Thema „Utopie“ war die Beschäftigung mit Future Skills. Wir haben uns an der Hochschule gefragt, wie wir unsere Studierenden auf ungewisse Zukünfte vorbereiten können. Ich war die wissenschaftliche Leitung in einem standortübergreifendem Prozess, in dem wir in Workshops und World Cafés mit Studierenden, Lehrenden und Vertreter*innen aus Unternehmen herausgearbeitet haben, welche Future Skills wir in allen unseren Studiengängen besonders fördern wollen. Wir sind das sozusagen „Bottom-Up“ angegangen, aber haben die Ergebnisse dann natürlich auch abgeglichen mit den bestehenden Diskursen zu Future Skills. Dabei habe ich mich mit verschiedensten Konzepten, z.B. mit Zukunftsforschung, befasst und bin auch dabei immer wieder beim Thema Utopien gelandet. Oder bei verwandten Themen wie Anti-Dystopien, Realutopien und so weiter. Da war dein Blog sehr hilfreich, vielen Dank dafür!

Katrin Girgensohn

An der SRH University engagierst du dich für die Integration der Future Skills “Coping and Changing” in die fächerübergreifende Lehre. Welchen Wert haben diese beiden Skills für die Gestaltung lebenswerter Zukünfte?

„Coping and Changing“ ist eines der fünf Future Skill-Sets, die in unserem Prozess an der SRH Hochschule herausgearbeitet wurden. Den Studierenden ist dieser Bereich ein wichtiges Anliegen. „Coping“ als Future Skill bedeutet für uns, dass wir Krisen, ambivalente Situationen, Herausforderungen und Schwierigkeiten bewältigen können. Dafür braucht man zum Beispiel Resilienz. Und „Changing“ ist die Kompetenz, sowohl mit Veränderungen umgehen zu können, also auch Veränderungen bewirken zu können. Dann kann aus der Krise eine Chance werden. Für die Gestaltung lebenswerter Zukünfte brauchen wir beides unbedingt, um nicht zu resignieren und um gestaltend handeln zu können. Eine Möglichkeit, wie wir diese Future Skills in der Fachlehre an der SRH stärken, sind kleine, ressourcenorientierte Schreibimpulse.

Stichwort “Utopische Schreibwerkstätten”. Welche Kraft liegt für dich im gemeinsamen, utopischen Schreibprozess?

Zukünfte müssen gemeinsam gestaltet werden. Einerseits, weil ich persönlich ganz sicher bin, dass Gemeinschaft und Verbundenheit in der Zukunft (wieder) wichtige Werte sein werden. Andererseits aber auch, weil Menschen gemeinsam herausarbeiten müssen, wie sie zusammenleben möchten, damit das Zusammenleben funktionieren kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele in diesem Prozess erst merken, wie viele Werte und Hoffnungen sie eigentlich teilen. Das Schreiben ist dabei das Instrument, mit dem wir unsere Imagination beflügeln und Ideen konkretisieren können. Schreiben ist zugleich sehr gut geeignet, um Verbundenheit zu schaffen. Das habe ich besonders stark zum Beispiel in einer Schreibwerkstatt erlebt, die wir mit Anwohner*innen unterschiedlicher Altersgruppen in Berlin Friedrichshain etabliert hatten. Gemeinsam haben wir über mehrere Jahre ein Kaleidoskop an geteilten Erinnerungen geschaffen und sind uns bei allen Unterschiedlichkeiten sehr nahe gekommen.

Können gemeinsame Schreibprozesse demokratische Werte stärken?

Ja, auf jeden Fall! Schreiben lässt einerseits sehr viel Raum für Individualität. Schreibend kann man erkennen, was einem wichtig ist, und das nach außen bringen. Zugleich eröffnet das Teilen von Texten oder auch das gemeinsame Schreiben von Texten Räume für Aushandlungsprozesse, die entschleunigt und konkret sind, was den Begegnungen gut tut.

Ich selbst habe vor Kurzem auch an einer Utopischen Schreibwerkstatt teilgenommen und diesen offenen Prozess als ungewohnt empfunden. Hast du einen Tipp oder eine Methode für mich, wie ich nächstes Mal besser in einen Schreib-Flow komme?

Mir ist es wichtig, in Schreibgruppen oder -workshops zunächst zu thematisieren und zu klären, wie wir miteinander und mit unseren Texten umgehen. Um beim Schreiben in Flow zu kommen, muss ich mich sicher fühlen und Vertrauen haben, denn beim Schreiben zeige ich ganz schön viel von mir, auch wenn ich vielleicht fiktiv schreibe. Das ist nicht so leicht.

Außerdem hilft eine Strukturierung des Ablaufs und der Impulse. Mit meiner Kollegin Ramona Jakob habe ich dafür in unserem Buch „66 Schreibnächte“ das Prinzip des Inszenierten Schreibens entwickelt, bei dem u.a. immer erstmal ein Warm-Up dafür sorgt, dass das Schreiben in Schwung kommt. Das funktioniert zum Beispiel über das Freewriting: Setz dir einen Zeitrahmen, z.B. 5 Minuten, und dann schreib zu einem Thema drauflos, wobei die Schreibhand immer in Bewegung sein muss. Wenn dir nichts mehr einfällt, dann schreibst du, dass dir nichts mehr einfällt, oder du schreibst immer wieder deinen Namen oder malst Kringel. Hauptsache weitermachen! Ganz wichtig ist, schon vorher deutlich zu machen, dass diese Texte nicht vorgelesen werden. Es geht dabei nur um den Prozess, das Warmwerden, die Annäherung an ein Thema. Es gibt noch viele andere Warm-Ups. Ich freue mich sehr, dass unser Buch 66 Schreibnächte in diesem Jahr 25jähriges Jubiläum feiert und in Kürze beim Schneiderverlag die Fortsetzung erscheint, für die ganz viele Menschen eigene Schreibnächte, also eigene Schreib-Inszenierungen zu einem Thema, beigetragen haben. Das zeigt mir, dass die Verbundenheit über das Schreiben funktioniert und das gemeinsame Schreiben die Imagination beflügelt.

Vielen Dank für das interessante Interview!

Vielen Dank für die tolle Einladung!

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